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Stockholm '56 - Video

Stockholm 1956

Der 17. Juni 1956 in Stockholm stellte alles in den Schatten, was ich in meiner Reiterlaufbahn bislang erlebt hatte.



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Gedanken zum Tag

Abgesehen davon, dass die Faszination der Olympischen Spiele mächtiger ist als der Glanz aller anderen sportlichen Kämpfe, vereinte das Stockholmer Turnier wohl das größte und stärkste Teilnehmerfeld, das jemals um reiterliche Ehren gestritten hatte.
Die Kameradschaft in Stockholm war den Olympischen Ringen würdig - wir haben uns ehrlich über das Gold der Schweden in der Military gefreut und waren von der Einzel-Silbermedaille August Lütke-Westhues ebenso begeistert wie von dem Abschneiden der drei deutschen Dressur-Amazonen.
Eine ganz besondere Freude für mich war die Bronzemedaille von Liselotte Linsenhoff - wir sind schon als Kinder in Frankfurt zusammen geritten.
Am Morgen des besagten Tages - es war kühl und bewölkt - konnte ich bei der Trainingsarbeit die wundervolle Verfassung meiner Halla feststellen.
Was sollte mir denn geschehen?
Dass es noch andere böse Handicaps geben konnte außer einem schlecht vorbereitetem Pferd, reiterlichem Unvermögen und dem normalen Turnierpech, daran dachte ich keine Sekunde.


Stockholm 1956


Der olympische Parcours

Gemeinsam mit den Kameraden Fritz und Alfons ging ich den Parcours ab. Ich fragte Alfons Lütke-Westhues, der als erster von 66 Reitern in das Feld gehen musste, wo er überhaupt Fehler machen wolle?
Das war nicht ganz ernsthaft gemeint - ich wollte meinem Freund vor allem eventuelle Hemmungen vor dem Parcours nehmen.
Das Besondere an diesem Parcours war weder die Höhe der Hindernisse noch ihre Zahl.
Es war die Art, wie sie miteinander kombiniert waren, wie etwa auf einen weiten Sprung ein Steilsprung folgte und umgekehrt, eine Anordnung, die den Reiter zwang, jeden Augenblick umzuschalten und sein Pferd einmal zu versammeln und es im nächsten Augenblick wieder ganz lang zu machen. Hier konnten nur Pferde bestehen, die ihrem Reiter auf den leisesten Schenkeldruck gehorchten.


Die Kameraden und Konkurrenten im Feld

Alfons Lütke-Westhues zog als erster Reiter in das Stadion - unbekümmert in der Manier eines jungen Reiters. Er beendete den Parcours mit 16 Fehlerpunkten. Fritz und ich ahnten, dass die Leistung noch relativ gut gewesen war.
Der nachfolgende Weltklassereiter Piero d ´Inzeo bestätigte die Leistung mit seinen 8 Fehlerpunkten und ein Ungar musste mit über 50 Strafpunkten gar ausscheiden (ein Ägypter sammelte sogar sage und schreibe 80,5 Fehlerpunkte). Jetzt war Fritz an der Reihe, der bei unbarmherzigen Platzregen nur 8 Fehlerpunkte bekam, einen an der Mauer und einen am Wassergraben. Die deutschen Schlachtenbummler applaudierten euphorisch!


Halla - der erste Umlauf

Als ich die Tribüne herunter stieg, stand Halla gesattelt für mich am Pferdeeingang bereit.
Ich saß auf und ritt im Schritt zum Abreiteplatz. Halla ging wunderbar über die Probesprünge - ruhig und aufmerksam.
Dann wurden wir aufgerufen und es spielte sich das Unfassbare wie folgt ab: Sauber nimmt Halla einen Sprung nach dem anderen: Das Hindernis am Start, das schwedische Koppelrick, das Gutstor an der Schmalseite des Olympia-Stadions, den so genannten Afrikanischen Schweinestall, den Doppelsprung, bestehend aus zwei Birkenoxern, den Wassergraben, dann mit mächtigem Schwung den fünf Meter breiten Wassergraben und die Irische Gartenmauer.
Die dreifache Kombination - ein breiter Oxer, ein Steilsprung und noch ein breiter Oxer - war ebenfalls kein allzu großes Problem.
Ich ritt am Marathontor vorbei auf die andere Längsseite über den 1,60 Meter hohen Gartenkoppelzaun, dem dreizehnten Hindernis, passierte es: In dem Bestreben, einen Fehler um jeden Preis zu vermeiden, gab sich Halla in der Luft noch einen gewaltigen Ruck und drehte dabei mit der Hinterhand.
Um nicht aus dem Sattel geworfen zu werden, presste ich blitzschnell die Knie zusammen, und in diesem Augenblick spürte ich einen wilden Schmerz in der Lendengegend, als hätte man mir einen Dolch durch den Körper gejagt.
Halb betäubt, verlor ich den Bügel und für Sekunden die Kontrolle über Halla. So kam es, dass wir am letzten Hindernis einen groben Fehler machten. Ich hing nur noch im Sattel, als wir endlich die Ziellinie passierten.
Jede Bewegung meiner Stute brachte neue Schmerzen, ohne mein Zutun trottete die Stute zum nahen Ausgang.


Was geschah nach dem Ritt?

Draußen an der Waage hoben mich schwedische Offiziere aus dem Sattel. Ohne die großartige Hilfe dieser einzigartigen Sportkameraden hätte ich diesen Tag nicht überstanden!
Auf unseren Equipechef Herrn Harald Momm und Inge Fellgiebel, meine spätere Frau, gestützt, wurde ich auf die Teilnehmertribüne geführt. Dort wurde ich von Alfons im Rücken gestützt um das restliche Teilnehmerfeld zu beobachten. Am Ende des Durchgangs lagen wir mit 28 Fehlerpunkten vor den Engländern mit 32 Fehlerpunkten.
Der Kampf war durchaus noch offen und ich glaubte an einen ungefährlichen Sehnenriss - ohne einen Gedanken an eine Aufgabe zu verschwenden, denn in wenigen Stunden sollte der entscheidende zweite Durchlauf beginnen.


Meine Verletzung

Im Mannschaftsquartier angekommen testierte mir Herr Dr. Schulz trostreich einen kleinen Leistenbruch, der sich später als Muskelriss herausstellen sollte.
Da damals das Reglement keine Reservereiter erlaubte, war der nahe liegende Erfolg nur durch uns drei Fritz, Alfons und Hans gemeinsam zu erreichen.
Aus diesem Grund kam ein Nichtstart meinerseits in der 2. Runde für mich in keinem Augenblick in Frage. Zum ersten Mal nach dem Krieg war eine Deutsche Springmannschaft so nah an einer Medaille. Für mich gab es nur eins, die Zähne zusammen zu beißen und versuchen, das Unmögliche möglich zu machen.
Also zog ich auf Anraten von Dr. Willi Büsing, Mannschaftsvizeolympiasieger und Gewinner der Einzelbronzemedaille von Helsinki 1952 in der Vielseitigkeit, meinen Gürtel aus der Hose und schnallte damit meine Oberschenkel zusammen. Dadurch hatte ich im Sitzen keine Schmerzen. In dieser Position wartete ich auf meinen Start im zweiten Umlauf.


Die Zeit vor der Entscheidung

Nun kamen für mich die entscheidenden Minuten meiner gesamten reiterlichen Laufbahn. Sieg und Niederlage lagen so nah beieinander. Wie schon oben gesagt, gab es für mich kein Zurück und ich musste das Unmögliche probieren. In diesem Momenten, bevor ich mich gestützt von meinem Kameraden aus meiner 2-stündigen Sitzposition erhob und den Gürtel wieder an meine Hose zurück schnallte, war mir nicht klar, auf was ich mich eingelassen und welche Schmerzen auf mich zukommen würden. Gott sei Dank war da meine Stute Halla, ohne dieses wunderbare Pferd, die so hoch sensibel, fast mit menschlichen Zügen ausgestattet und daher mit den leichtesten Hilfen zu reiten war, wäre alles in einem Fiasko geendet.
Piero d ´Inzeo brachte das Kunststück eines Null-Fehler-Ritts fertig, bei ihm wurde nur eine Verweigerung verbucht und so saßen uns auch die Italiener im Nacken. Alfons legte 8 Fehlerpunkte vor und Fritz brillierte mit lediglich 4 Strafpunkten an der Irischen Gartenmauer.
Es ging mir auch den Umständen entsprechend nicht schlecht, da ich bis zu diesem Zeitpunkt meine Beine noch nicht seitwärts bewegt hatte. Nun musste ich aber wieder aufs Pferd. Mein Pfleger Hans hob mich vorsichtig hoch und dann in Bruchteilen einer Sekunde begann das eigentliche Drama! In dem ich mein rechtes Bein über den Sattel heben musste. Das hatte zur Folge, dass die übermäßigen Schmerzen meinen Körper parallelisierten. Ich saß im Sattel, der Pfleger ließ den Zügel los und die Stute bewegte sich vorwärts, ohne dass ich die körperlichen Möglichkeiten hatte sie anzuhalten.
Eine schmerzlindernde Injektion mit Morphium kam nicht in Frage, da ich dann die Kontrolle über mich verloren hätte. Der erste Probesprung offenbarte die schlimmsten Befürchtungen: Schon in der Luft verspürte ich einen teuflischen Schmerz, dass ich wiederum laut aufbrüllte. Mir wurde schwarz vor Augen. Als der Schleier sich wieder lichtete, sah ich das entgeisterte Gesicht meines alten Freundes und Rivalen Goyoaga der gar nicht zu begreifen schien, dass ich Halla nicht zum Stehen bringen konnte und dass sie, auf der ich mehr hing als saß, schließlich von meinem Pfleger aufgehalten werden musste.
Dr. Büsing, unser Tierarzt, der sich schon am Vormittag aufopfernd um mich bemüht hatte, brachte mir in rasender Eile ein Zäpfchen, das mir auf dem Pferde sitzend verabreicht wurde. Um zu fühlen, ob das Zäpfchen Wirkung zeigte, trabte ich an. Kein Problem. Versuchte zu galoppieren. Auch möglich. Dann musste ich wenigstens noch einen Probesprung machen. Alle Träume waren auf einmal wie weggeblasen. Das starke Zäpfen zeigte inzwischen solche Wirkung, dass ich plötzlich so benommen war und alles vor meinen Augen verschwamm.
Den Zustand teilte ich meinen Helfern mit. Es waren noch 7 Minuten bis zum Start. Ich wurde vom Pferd gehoben und auf das Treppchen des Starterhäuschen gesetzt. In Windeseile hatte ein Schwedischer Kavallerie Offizier, der für den Startablauf zuständig war, ein Kännchen starken Kaffee aus dem Verpflegungszelt besorgt. Der Kaffee wurde mir eingetrichtert, einer hielt den Kopf, ich musste nur schlucken. Das starke Getränk tat seine Wirkung und nach 5 Minuten war ich wieder Herr meiner Sinne. Die 2 Minuten, die ich noch bis zum Start hatte, vergingen mit Aufstehen, aufs Pferd gehoben werden und mit allen guten Wünschen aller Freunde und Mitstreiter an den Start zu gehen.



Halla im entscheidenden zweiten Umlauf

Der Rest ist Historie. Ich grüßte den König, zeigte der Stute ihren Weg und dieses wunderbare Pferd, welches fühlte, dass es ihrem Reiter schlecht ging und der ich 1000-fach geholfen hatte, machte mir die größte Liebeserklärung, indem sie am langen Zügel nur begleitet von meinen Schmerzensschreien über jeden Sprung, ohne Fehler ging.
Erst eine ganze Weile später begriff ich, was wirklich passiert war. Welch wunderbarer Erfolg es für die Mannschaft und der Einzelsieg für mich bedeutete.